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Südkaukasus-Koordinationsgruppe (2356)

StartseiteNeuer Bericht zur Situation der Binnenflüchtlinge in Georgien

05.08.2010

Die georgische Regierung muss den Binnenvertriebenen eine Zukunft geben

Gemeinschaftsunterkunft in einem ehemaligen Krankenhaus in Zugdidi, März 2010

"Ich habe 20 Jahre meines Lebens in diesem winzigen Raum unter furchtbaren Bedingungen verbracht ... Mein Mann und ich warten immer noch, und niemand sagt uns etwas. Vielleicht habe ich nicht mehr viele Jahre zu leben, aber ich möchte zumindest den Rest meines Lebens unter annehmbaren Bedingungen verbringen." (Izolda, eine 69-jährige Frau in einer Gemeinschaftsunterkunft in Tbilisi)

(Tbilisi) Die georgischen Behörden müssen mehr tun als das absolute Mindestmaß, um eine angemessene Unterbringung, Beschäftigung und Zugang zur Gesundheitsversorgung für die Menschen zu gewährleisten, die durch die Konflikte in den 1990er Jahren und den Krieg mit Russland im August 2008 vertrieben wurden. Dies ist die Aussage eines heute veröffentlichten Berichts von Amnesty International.

Der Bericht "Im Wartezimmer: Binnenvertriebene in Georgien" dokumentiert, dass Tausende von Menschen, die während der Konflikte vertrieben wurden, es schwer haben, an grundlegenden Leistungen teilzuhaben.

"Vertriebene brauchen mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Sie brauchen eine Regierung, die den Zugang zu Beschäftigung, Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen für sie sicherstellt. Sie müssen auch eingebunden werden und die Möglichkeit haben, Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, selbst zu treffen", sagte Nicola Duckworth, Leiterin des Programms für Europa und Zentralasien.

"Vertriebene haben das Recht auf Rückkehr in ihre Heimatorte in Sicherheit und Würde. Die Regierung ist aber auch verpflichtet, diejenigen, die das nicht können oder wollen, an ihrem jetzigen Wohnort zu integrieren oder in anderen Landesteilen anzusiedeln."

Etwa 220.000 Menschen mussten ihre Heimatorte Anfang der 90er Jahre verlassen, als Georgien nach der Auflösung der UdSSR unabhängig wurde und bewaffnete Konflikte um den künftigen Status von Abchasien und Südossetien entstanden. Weitere 128.000 Menschen flohen während des georgisch-russischen Kriegs im August 2008 und danach aus Südossetien und dem Kodori-Tal in Abchasien. Die Mehrheit ist seitdem zurückgekehrt, aber fast 26.000 Menschen ist eine Rückkehr jetzt und auf absehbare Zeit nicht möglich. Damit leben in Georgien derzeit etwa 246.000 Binnenflüchtlinge, rund 6 % der knapp 4,4 Mio Einwohner.

2007 begann die georgische Regierung mit internationaler Unterstützung, Programme zu erarbeiten und umzusetzen, durch die dauerhafter Wohnraum für die Vertriebenen bereitgestellt werden sollte.

Viele Menschen, die vor fast zwei Jahrzehnten geflohen sind, leben jedoch immer noch in ehemaligen Krankenhäusern und Kasernen, in denen grundlegende sanitäre Einrichtungen und jede Privatsphäre fehlen. Einige der neuen Siedlungen liegen in ländlichen Gebieten ohne die erforderliche Infrastruktur.

Unterstützung durch die Regierung muss erst noch zu denen gelangen, die bei Angehörigen oder in gemieteten Wohnungen leben. Viele klagen darüber, dass sie bei Maßnahmen, die unmittelbaren Einfluss auf ihr Leben hatten, nicht eingebunden wurden.

"Alle Vertriebenen leiden noch unter den Kriegsfolgen. Vertriebene brauchen dauerhafte Lösungen, und sie brauchen sie bald, damit sie wieder im Leben Fuß fassen können", sagte Nicola Duckworth.

Vertriebene leiden unter hoher Arbeitslosigkeit, aber es gibt immer noch keine umfassenden Programme, mit denen die Regierung diesem Problem begegnen würde.

Schlechte Wohnbedingungen und Armut schaden der Gesundheit von Vertriebenen, während ein Mangel an Information und die Behandlungskosten ihnen den Zugang zu medizinischer Versorgung sogar noch erschweren.

"Die georgische Regierung hat wichtige Schritte unternommen, aber die Bereitstellung von Wohnraum muss Hand in Hand mit Angeboten für medizinische Versorgung, Beschäftigung und die Sicherung des Lebensunterhalts gehen. Das ist der einzige Weg, um Zehntausende Bürger vollständig zu integrieren, die immer noch in einem Provisorium leben", sagte Nicola Duckworth.

Die Vertriebene Iza, Bewohnerin einer Gemeinschaftsunterkunft in Kutaisi, sagte Amnesty International: "Vor siebzehn Jahren, als der Krieg ausbrach, studierte ich Fremdsprachen an der staatlichen Universität, habe aber das Studium nie abgeschlossen. Jetzt geht mein Sohn zur Oberschule, aber ich habe nicht die Mittel, ihm ein Studium zu ermöglichen. Ich kann meine Zukunft nicht zurückholen, vielleicht habe ich keine Aussicht, je wieder Arbeit zu finden, aber ich bitte die Regierung, wenigstens meinen Kindern mehr Perspektiven zu geben, damit sie eine bessere Zukunft haben."

Eine Kurzfassung des Berichts in deutscher Sprache finden Sie hier: Deutsche Kurzfassung_In the Waiting Room: IDP in Georgia.pdf

Den vollständigen Bericht in englischer Sprache In the Waiting Room: Internally Displaced People in Georgia sowie eine Kurzfassung des Berichts finden Sie im Internet.

siehe auch:
Civilians in the aftermath of war: The Georgia-Russia conflict one year on, August 2009
Georgia/Russia: Civilians in the line of fire: The Georgia-Russia conflict, November 2008